Mein Name ist Maciej Mikoluszko, Diplom-Ingenieur Elektrotechnik und Geschäftsführer der ENELAN GmbH in Hamburg. Wenn ich in einem Hamburger Altbau den Zählerschrank öffne, sehe ich oft eine Reihe alter Schraubsicherungen — und keinen einzigen FI-Schutzschalter. Die Anlage funktioniert seit vierzig Jahren. Sie schützt Leitungen zuverlässig vor Überlast. Nur schützt sie keinen Menschen.
Die kurze Antwort: Eine Sicherung und ein FI-Schutzschalter haben zwei verschiedene Aufgaben. Die Sicherung schützt die Leitung vor Überlast und Kurzschluss. Der FI (Fehlerstrom-Schutzschalter, RCD) schützt den Menschen — er schaltet ab, wenn Strom einen Weg nimmt, der nicht vorgesehen ist, etwa durch einen Körper zur Erde. Eine Sicherung merkt davon nichts.
Dieser Artikel erklärt den Unterschied, zeigt welcher RCD-Typ wofür gebraucht wird — und warum ausgerechnet Wallbox und Photovoltaik die Anforderungen verändert haben.
1. Sicherung schützt die Leitung, FI schützt den Menschen
Der Leitungsschutzschalter — umgangssprachlich die Sicherung — überwacht die Höhe des Stroms. Fließt zu viel, weil zu viele Geräte an einem Stromkreis hängen oder weil ein Kurzschluss auftritt, schaltet er ab. Das verhindert, dass die Leitung in der Wand überhitzt. Es ist Brandschutz.
Der Fehlerstrom-Schutzschalter macht etwas anderes: Er vergleicht permanent, wie viel Strom hin- und wie viel zurückfließt. Im ordnungsgemäßen Betrieb ist das gleich viel. Fehlt auf dem Rückweg etwas, muss dieser Strom einen anderen Weg gefunden haben — durch eine feuchte Wand, ein defektes Gerät oder eben durch einen Menschen. Bereits bei einer kleinen Differenz schaltet der RCD ab, und zwar in Sekundenbruchteilen.
Für den Schutz von Personen ist ein Bemessungsfehlerstrom von 30 Milliampere der Maßstab. Das ist der Wert, bei dem ein Stromunfall in aller Regel glimpflich ausgeht. Ein Leitungsschutzschalter mit 16 Ampere merkt von einem solchen Fehlerstrom schlicht nichts — für ihn sind 30 Milliampere ein Rundungsfehler.
2. Warum viele Altbauten keinen FI haben
Die Anforderungen sind über die Jahrzehnte schrittweise verschärft worden — zuerst für besonders gefährdete Bereiche wie Badezimmer und Außensteckdosen, später breiter für Steckdosenstromkreise im Wohnbereich.
Für den Bestand gilt dabei ein wichtiger Grundsatz: Eine alte Anlage, die nach den damals gültigen Regeln errichtet wurde, hat Bestandsschutz und muss nicht allein wegen einer Normänderung umgebaut werden. Dieser Bestandsschutz endet allerdings, sobald wesentlich in die Anlage eingegriffen wird — bei Erweiterungen, größeren Umbauten oder wenn Stromkreise neu aufgebaut werden. Dann gilt der heutige Stand.
In der Praxis heißt das: Wer im Altbau die Elektrik anfasst, kommt am Fehlerstromschutz nicht vorbei — und sollte das auch nicht wollen. Was in Hamburger Häusern aus den Sechzigern und Siebzigern sonst noch steckt, habe ich hier zusammengetragen: Elektroinstallation aus den 70er Jahren.
3. Typ A, Typ F, Typ B — der Unterschied wird praktisch
Ein RCD erkennt nicht jede Art von Fehlerstrom gleich gut. Deshalb gibt es Typen, und die Auswahl richtet sich nach den angeschlossenen Geräten — nicht nach dem Preis.
- Typ A erfasst sinusförmige Wechselfehlerströme und pulsierende Gleichfehlerströme. Das ist der Standard für gewöhnliche Steckdosen- und Lichtstromkreise im Haushalt.
- Typ F kann zusätzlich mit Fehlerströmen aus frequenzgesteuerten Geräten umgehen — typischerweise moderne Waschmaschinen, Trockner oder Klimageräte mit Frequenzumrichter.
- Typ B erfasst darüber hinaus glatte Gleichfehlerströme. Diese entstehen dort, wo Leistungselektronik im Spiel ist: bei Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge und bei bestimmten Photovoltaik-Konstellationen.
Der praktische Kern der Sache: Ein glatter Gleichfehlerstrom kann einen RCD vom Typ A in einen Zustand bringen, in dem er nicht mehr zuverlässig auslöst — auch für die anderen Stromkreise, die an ihm hängen. Deshalb ist die Frage nach dem richtigen Typ keine Feinheit für Fachleute, sondern der Unterschied zwischen Schutz und scheinbarem Schutz.
4. Wallbox und PV — was sich dadurch geändert hat
Bei Ladeeinrichtungen ist der Umgang mit Gleichfehlerströmen ausdrücklich geregelt. Zulässig ist entweder ein RCD vom Typ B oder ein RCD vom Typ A in Verbindung mit einer Einrichtung, die Gleichfehlerströme erkennt und abschaltet. Viele Wallboxen bringen diese Erkennung bereits integriert mit — dann genügt im Verteiler ein Typ A. Ob das so ist, steht im Datenblatt der Box.
Genau hier entsteht ein teurer Irrtum: Manche Betriebe setzen pauschal einen Typ B, obwohl die Box die Erkennung mitbringt — das kostet unnötig. Andere setzen pauschal einen Typ A, obwohl die Box nichts mitbringt — das ist der gefährlichere Fehler. Beides vermeidet man, indem man vor der Montage ins Datenblatt schaut.
Was rund um die Wallbox sonst noch in die Verteilung gehört, steht hier: Wallbox in Hamburg — Installation und Anmeldung.
5. Ein FI für alles ist keine gute Idee
Eine Bauweise, die ich in Bestandsanlagen häufig antreffe: ein einziger RCD für die gesamte Wohnung oder das ganze Haus. Technisch zulässig, im Alltag unpraktisch — und in einem Punkt sogar riskant.
Unpraktisch, weil ein einziger defekter Verbraucher alles abschaltet: Licht, Kühlschrank, Heizungssteuerung, Router. Die Fehlersuche wird zur Sucherei im Dunkeln, im wörtlichen Sinn.
Riskant, weil sich die kleinen Ableitströme vieler Geräte addieren. Jedes elektronische Gerät hat eine geringe betriebsbedingte Ableitung. Hängen zwanzig davon an einem RCD, kann die Summe schon nahe an der Auslöseschwelle liegen — dann löst er sporadisch ohne erkennbaren Grund aus, oder er hat im echten Fehlerfall kaum noch Reserve.
Deshalb teile ich bei jeder Modernisierung auf: mehrere RCDs, sinnvoll gruppiert. Kühlung und Heizungssteuerung bekommen einen eigenen Kreis, damit nach einem Urlaub nicht der halbe Kühlschrank verdorben ist.
6. Die Prüftaste ist keine Dekoration
Auf jedem FI sitzt eine Taste mit „T“ oder „Test“. Sie erzeugt künstlich einen Fehlerstrom und prüft damit die Mechanik. Der Hersteller sieht in der Regel eine halbjährliche Betätigung vor — und genau das ist eine der wenigen Arbeiten an der Elektroanlage, die Sie selbst erledigen können und sollten.
- Geräte, bei denen ein plötzlicher Stromausfall stört (Rechner, Heizungssteuerung), vorher herunterfahren.
- Taste drücken. Der Schalter muss sofort in die Aus-Stellung springen.
- Wieder einschalten und die Uhrzeit prüfen, falls Geräte blinken.
Springt der Schalter beim Test nicht, ist er defekt — dann muss er getauscht werden. Ein RCD ist ein mechanisches Bauteil, das über Jahre unbenutzt verharzen kann. Der Test kostet zehn Sekunden.
Wichtig zur Einordnung: Der Test prüft die Mechanik, nicht die Auslösewerte. Ob der Schalter innerhalb der geforderten Zeit und beim richtigen Strom auslöst, zeigt nur eine Messung mit geeignetem Prüfgerät. Diese Messung gehört zur regelmäßigen Prüfung der Anlage — für Betriebe ohnehin, für Privathaushalte spätestens vor Verkauf oder Vermietung sinnvoll. Warum das auch für die Versicherung zählt, steht hier: E-Check, DGUV V3 und Versicherung.
7. Nachrüsten — was realistisch geht
Ob sich Fehlerstromschutz nachrüsten lässt, hängt weniger vom Schalter ab als vom Zustand der Anlage dahinter. Zwei Punkte entscheiden:
- Ist ein Schutzleiter vorhanden? In sehr alten Installationen gibt es Stromkreise ohne separaten Schutzleiter. Dort ist ein RCD zwar zusätzlich hilfreich, ersetzt aber keine ordentliche Neuverlegung.
- Wie ist der Zustand der Leitungen? Alte, feuchte oder beschädigte Leitungen haben erhöhte Ableitströme. Ein neu gesetzter RCD legt genau das offen und löst aus — was kein Fehler des Schalters ist, sondern sein Zweck. Deshalb messe ich vorher den Isolationswiderstand.
Der Ablauf bei uns ist immer derselbe: erst messen, dann einen schriftlichen Befund, dann die Arbeit zum vorher vereinbarten Festpreis. Sie bekommen am Ende ein Messprotokoll und einen beschrifteten Verteiler — nicht nur einen neuen Schalter. Wie eine solche Modernisierung aussieht, steht auf der Seite Zählerschrank-Modernisierung.